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Kardiologie & Gefäßmedizin

Nierenversagen, akutes: Diagnose

Nierenversagen, akutes

Definition

Unter akutem Nierenversagen versteht man einen plötzlich auftretenden potentiell reversiblen Ausfall der exkretorischen Nierenfunktion. Das klassische Nierenversagen geht mit einer Oligo/Anurie einher, es gibt aber immer häufiger Fälle von nicht-oligu-anurischem Nierenversagen.
Das hier behandelte Nierenversagen, im strengen Sinne, hat seine hauptsächlichen pathologischen Veränderungen an der Tubuluszelle, entsprechend dem amerikanischen Terminus "akute Tubulusnekrose". Die Veränderungen werden durch zirkulatorische Schädigungen (Schock, Sepsis) oder durch Nephrotoxine (Medikamente, Gifte) hervorgerufen.
Alle anderen Formen einer sich akut entwickelnden Funktionsverschlechterung der Nieren bezeichnet man als akute Niereninsuffizienz (andere Autoren als akutes Nierenversagen im weiteren Sinne). Die Ursachen dieser Funktionsverschlechterung liegen entweder prärenal (z. B. hepatorenales Syndrom, Exsikkose), postrenal (Obstruktion) oder intrarenal (akute vaskuläre, glomeruläre, oder [tub.] interstitielle Nephropathie).

Ätiologie

Kreislaufschock, Stoffwechselkoma (Diabetes, Laktatazidose), septische Infektionen, Rhabdomyolyse (z. B. nach Alkoholintoxikation, Rhabdomyolyse, Verbrennungen), Schädel-Hirn-Traumen, abdominelle Eingriffe, Hämolyse, Intoxikationen; Röntgenkontrastmittel (vor allem bei eingeschränkter Nierenfunktion, Paraproteinämie, Diabetes mellitus)

Risikofaktoren

Chronische Risikofaktoren
Akute Risikofaktoren
  • z. B.: Infektion / Sepsis
  • diss. intravas. Gerinnung
  • akute Herzinsuffizienz
  • akutes Leberversagen
  • Elektrolytstörungen: z. B.: Hyponatriämie (Diuretikaabusus/Überdosierung) ...
  • nephrotoxische Pharmaka: z. B. Aminoglykoside, NSAID, Immunsuppressiva ...
  • Kontrastmittel. Cave: besonderes Risiko bei gleichzeitiger Hypovolämie!

Diagnostik

Bei Fehlen eindeutiger anamnestischer Hinweise ist zu fahnden nach

  • Steinverschluss (Leeraufnahme, Sonogramm)
  • Infektion

 

Bei Schmerzen im Lenden- und Abdominalbereich nach

  • Harnabflussbehinderung durch Konkremente
    • Nicht schattengebende Harnsäuresteine, Uratverstopfungsniere (z.B. nach Zytostatik)
    • Röntgenkontrastdichte Konkremente (alle übrigen einschließlich Zystinsteinen)
  • Harnabflussbehinderung durch
    • Trauma
    • Hämatom (Blutung nach abdom. Operation)
    • Verschluss der A. renalis (Angiographie)
    • Nierenvenenthrombose (Cavographie)
    • Tumoren im Beckenbereich (Sonographie)
    • Akute, allergisch bedingte, interstitielle Nephritis (Sonographie, Nierenpunktion)

 

Bei gleichzeitigem Ikterus ist zu denken an

  • Hepatorenales Syndrom
  • Postpartale Hämolyse
  • Transfusionsreaktion
  • Hämolytisch-urämisches Syndrom
  • Vergiftungen (Knollenblätterpilze)
  • Schwarzwasserfieber bei Malaria (Chininbehandlung)
  • Leptospirose
  • Septische Cholangitis
  • Intoxikationen mit Phosphor, Chloroform, Tetrachlorkohlenstoff, Trichloräthylen

 

Bei Fehlen von Fieber und Ikterus: toxisches Nierenversagen durch

  • nicht steroidale Antirheumatika
  • Röntgenkontrastmittel (vorwiegend bei unzureichender Hydrierung)
  • Aminoglykosidantibiotika
  • Sulfonamide
  • Quecksilbersalze
  • Oxalsäure bzw. Glykole (Frostschutzmittel, gepanschte Weine)
  • Dextraninfusionen (niedermolekular)

Leitsymptome des akuten Nierenversagens

  • Harnmenge unter 500 ml/24 Std. (seltener: primär polyurische Verlaufsform, bis 8 l/Tag)
  • Häufige Begleitsymptome: Fieber, Anämie (eher typisch bei chronischem Nierenversagen), Ikterus, Lendenschmerzen
  • Azotämie, Hyperkaliämie

 

Besonderer Beachtung bedürfen:

 

  • Herz und Kreislauf (Puls, Blutdruck)
    Merke: Es gibt keine definierte untere RR-Grenze, bei der ein akutes Nierenversagen auftritt! 
  • Atmung (Lungenödem, Cheyne-Stokes-Atmung)
  • Gastrointestinaltrakt (Erbrechen, Durchfälle, Blutung)
  • Nervensystem (Bewusstseinstrübung, Muskelzuckungen, Parästhesien)

 

Tabelle 1: Laborparameter bei akutem Nierenversagen
 
Prärenal
Akute Glomerulonephritis
Akute Tubulusnekrose
Postrenal
Urin-Osmolalität
(mOsm/kg H2O)
> 500
> 350 < 350
< 350
Urin-Natrium (mmol/l)
< 30
< 30 > 40
> 30
Fraktionelle Natriumausscheidung (%)
< 1
< 1 > 1
> 2
Urin-Na
Serum-Kreatinin/Urin-Kreatinin } x 100
< 1
< 1 > 2
> 2
Urin-Kreatinin
Plasma-Kreatinin
> 40
> 40 < 20
< 20
Sediment
Erythrozyten-Zylinder
Gran. Zylinder,
glom. erys
Tubuluszellen

Die Diagnose "akutes Nierenversagen" darf erst dann gestellt werden, wenn ähnliche Zustandsbilder mit Azotämie und Oligo-/Anurie im Gefolge chronischer renaler oder extrarenaler Grundleiden ausgeschlossen sind

  • Labor
    Der Quotient aus Urinharnstoff- und Serumharnstoff-Konzentration beträgt bei der extrarenalen Azotämie in der Regel über 10, im akuten Nierenversagen und bei anderen renalen Oligurieformen unter 10. Die Urin-Natriumkonzentration liegt bei extrarenalem Nierenversagen unter 20 mval/l, bei renalem Nierenversagen über 40 mval/l
  • Weitere Laborbefunde
  • Harnstoff-, Harnsäure- und Kreatinin-Konzentrationen
  • Azidose (pH)
  • Elektrolytstörungen (Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie bei Myolysen)
  • Anämie, Leukozytose
  • LDH bei Hämolyse
  • Flüssigkeitsbilanz (hypertone, isotone, hypotone Dehydratation)
  • Bildgebende Verfahren
  • Abdomenleeraufnahme (Nierengröße, Konkremente) bzw. Sonogramm

Differenzialdiagnose

Praktisch bewährt hat sich die differentialdiagnostische Abgrenzung von folgenden Formen der akuten Niereninsuffizienz:

  • prärenal (Hypovolämie, wobei die Oligurie auf Furosemid und Osmodiuretika anspricht),
  • renal (z. B. akute Glomerulonephritis, Schockniere) und
  • postrenal (z. B. Steinverschluss)

 

Tabelle 2: Ursachen des akuten Nierenversagens
Ursachen des akuten Nierenversagens (auch akute Tubulusnekrose)
prärenal
renal
postrenal
(akute obstruktive Nephropathie)
schwere Dehydratation zirkulatorisch (z. B. prolongierter Kreislaufschock, bds. Niereninfarkt, disseminierte intravasale Gerinnung) Steine
Blutungsschock toxisch-allergisch (z. B. Medikamente) Entzündung
kardiogener Schock septischer Schock entzündlich (z. B. Sepsis, akute Nephritiden) Karzinome und andere Tumoren
Hämolyse, Rhabdomyolyse  (= Crush-Niere) beidseitige Nierenrindennekrose Operationen
Intoxikation (z. B. Tetrachlorkohlenstoffvergiftung) Mikroangiopathien Retroperitonealfibrose
Häufigste Ursachen des akuten Nierenversagens (nach Fachgebieten gegliedert)
internistisch
chirurgisch
gynäkologisch
Kreislaufschock Polytrauma, Rhabdomyolyse Abort
Nephrotoxine abdominelle Operationen (z. B. bei Ikterus, Cholezystitis, Peritonitis) Eklampsie
bakterielle Infektionen meist septischer, selten hypovolämischer Genese Blutung
intravasale Hämolyse . .
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Letztes Update:19 Mai, 2011 - 15:32